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Sonntag, 15. September 2019

Drees – Bauer – Morgenstern

Die neue Saison der Freien Klänge in der Festung Mark begann mit einem Konzert voller musikalischer Experimente, von drei Musikern, die mit Können und Spielfreude schon jeder für sich den Abend füllen könnten. Sie zusammen zu hören war ein Erlebnis, das aber auch Konzentration und ein Mitdenken, vielleicht besser: ein Mitfühlen der musikalischen Ideen erforderte.
Simon Jakob Drees – Violine und Stimme
Matthias Bauer – Kontrabass und Stimme
Tobias Morgenstern – Akkordeon
Simon Jakob Drees, Christian Morgenstern und
Matthias Bauer (von links) in der Festung Mark
Simon Jakob Drees, Initiator und Ideengeber des Trios, greift zu seiner Violine, doch statt mit dem Geigenbogen beginnt er das Konzert mit seiner Stimme. Mit Obertongesang, der bald darauf von Bass und Akkordeon leise begleitet wird. Als er dann doch mit dem Bogen über die Saiten streicht, dann anscheinend nur, um sich für seine vokalen Töne Anregungen von der Violine zu holen.

Matthias Bauer entlockt derweil seinem Bass ungeahnt hohe Töne, wenn er die Saiten unterhalb des Steges streicht oder die Saiten mal mit dem Bogen anschlägt, mal mit dem Griff des Bogens Geräusche auf dem Instrument erzeugt. Da ist der Bass mehr Percussion- als Streichinstrument.

Tobias Morgenstern, der Meister auf dem Akkordeon, ist in seinem Element, wenn es um französisch klingende Einflüsse der Musik geht, und ist zugleich ein wunderbar einfühlsamer Begleiter der beiden Streichinstrumente. Aber was heißt hier Streichinstrumente und da Akkordeon – wenig später werden alle drei Instrumente zu Percussion-Instrumenten, wenn die Musiker auf den Körpern der Instrumente klappern, klopfen, schlagen, wenn Morgenstern den Balg seines Akkordeons rhythmisch hin und her bewegt, mit den Fingern darauf entlang fährt. Als nach und nach jeder wieder zu den gewohnten Klängen des Instruments zurückfindet, entwickelt sich aus den Rhythmen allmählich eine Musette. Tänzerische Passagen sind zu hören, die die Musiker aus osteuropäischen wie aus französischen Einflüssen heraus improvisiert zusammensetzen.

Sonntag, 12. Mai 2019

Mark Alan Lotz & Alan "Gunga" Purves

Experimentell und anhörbar muss kein Widerspruch sein. Zwei Stunden voller verrückter Musik-Ideen, gemischt mit harmonischen Melodien: es war eine Freude zuzuhören – und zuzusehen.
Mark Alban Lotz – Flöten
Alan "Gunga" Purves – Percussion, Toys

Mark Alban Lotz kam mit seiner riesigen Kontrabass-Flöte auf die Bühne, einem Instrument, dem man die Herkunft aus dem Baumarkt ansah (später erklärte er, dass der Instrumentenbauer tatsächlich Kunststoff-Abwasserrohre verwendete, die er mit Klappen eines Saxophons kombinierte). Die tiefen Töne spielt er in eine Loop-Station ein, die dann durch die ständige Wiederholung wie der Atem eines großen Urzeittieres klingen. Alan "Gunga" Purves nimmt in jede Hand eine Spieluhr, solche kleinen Blechdosen, die wohl jeder schon mal seinen Kindern als Spielzeug kaufte, hält sie an den Kurbeln fest und dreht sie rhythmisch, fügt schnalzende Töne hinzu. Über diese Kombination spielt Lotz Töne auf seiner etwas kleineren Bassflöte – und nun füllen Urwaldgeräusche den Raum, das Grummeln eines nahen Gewitters, Vogelstimmen und Pfeifen von Baumfröschen.

Später, zu den Tönen eines umgebauten Akkordeons, dessen Balg Alan Purves mit den Füßen bedient und damit Borduntöne für Alban Lotz' Flöte erzeugt, hört das Ohr, das sich an bekanntem orientieren möchte, Melodien wie Debessys "Nachmittag eines Fauns" heraus. Aber was ist schon "normal", was ist "bekannt" bei diesem phantasievollen Spiel mit Klängen und Tönen? Die Musik von Purves und Lotz bietet ein großes Maß völlig neuer Hör-Erfahrung und Phantasie. Und sie macht Spaß, verführt zum mit- und nachmachen. Denn, im Ernst: wer hat noch nie auf einem Eierschneider Harfe gespielt oder auf Glasflaschen Töne geblasen? Das scheinbar so Einfache zu Rhythmus und Musik zu kombinieren ist dann doch die große Kunst der beiden. 

Sonntag, 14. Oktober 2018

Brasilianische Klänge vom Susanne-Paul-Quartett

Heute war die Cellistin Susanne Paul mit ihrem brasilianischen Quartett auf der Bühne der Freien Klänge in der Festung Mark zu erleben.
Susanne Paul – Cello
Maria Clara Valle  – Cello
Aline Gonçalves – Flute, Klarinette
Diego Zangado – Pandeiro

Das Quartett ist mit Querflöte/Klarinette, zwei Celli und Percussion ebenso einfach wie ungewöhnlich zusammengesetzt. Die Musiker aus Berlin und Rio de Janeiro lassen von Anfang an erkennen, wo es musikalisch hingeht: nach Brasilien. Allerdings nicht in die Samba-Hochburgen zur Karnevalszeit. Die Klänge des Quartetts sind eine gelungene Mixtur aus brasilianischer und europäischer Musiktradition. Mitunter auch lautmalerisch, und wenn Susanne Paul ein paar Erläuterungen zur Musik gibt, dann entstehen im Kopf passende Bilder dazu. Etwa wenn sie ein Stück nach einem Hundertfüßer benennnt, der sich den brasilianischen Urwald bergauf-bergab entlang schlängelt. Da werden neben den tänzerischen Klängen der gezupften Celli plötzlich Vogelstimmen hörbar, durch Aline Gonçalves auf der Querflöte angedeutet, bis man am Ende in Diego Zangados kräftige Samba-Rhythmen gerät. Oder wenn sie von Mangrovensümpfen berichtet und in der Musik Tiergeräusche in der Nacht, Baumfrösche, raschelnde Tiere im Dschungel mitschwingen, sich eine nächtlich-unheimliche Stimmung aufbaut, bis dann tänzerische Rhythmen erscheinen, als nähere man sich allmählich auf dem Fluß einem Dorf.

Sonntag, 10. Juni 2018

Talking Horns

Heute standen die Talking Horns auf der Bühne der Freien Klänge, in der "Kulturwerkstatt" der Festung Mark, der kleinen Bühne hinter dem Café "Stübchen".
Achim Fink – Posaune, Basstrompete, Tenorhorn, Sousaphon
Andreas Gilgenberg – Altsaxophon, Sopransax, Altflöte, Bassklarinette
Stephan Schulze – Posaune, Bassposaune, Tenorhorn, Sousaphon
Bernd Winterschladen – Tenor-/Baritonsaxophon, Bassklarinette
Achim Fink, Andreas Gilgenberg,
Bernd Winterschladen und Stephan Schulze

Auf der Bühne der Kulturwerkstatt standen vier Musiker – und jede Menge Blech. Ich zählte allein 16 Blech- und Holzblasinstrumente, Tubas, Posaunen, Klarinetten, natürlich auch das riesige Sousaphon, also statistisch vier pro Musiker. Hinzu kam einiges an Percussion und sogar einige als Instrument genutzte Kinderspielzeuge. Daß daraus vielfältigste Musik entstand, ja geradezu entstehen mußte, war schon deshalb unvermeidlich. Die vier Musiker spielten mit der Klangfülle eines großen Blechblasorchesters und natürlich unverstärkt.

Den erkennbaren Spaß an ihrer Musik, am Improvisieren auf der Bühne, übertrugen sie auch durch ihre Anmoderation der Musik auf ihr Publikum. Etwa wenn sie für ihre spontan entstandenen Zwischen-Improvisationen ebenso spontan Titel fanden, wie "kein Zittern in der Zitadelle" (anspielend auf die frühere Zitadelle Festung Mark) oder das Publikum um Titel für die Musik baten. Etwa als Achim Fink auf dem Sousaphon Klänge erzeugte, die asiatischem Obertongesang ähnelten, und eine Zuhörerin den Titel "Tibet Calling" vorschlug.

Die seit Wochen andauernde sommerliche Hitze hatte ihren Weg auch durch die dicken Festungsmauern gefunden. Im zweiten Set wurden dann auch ausnahmsweise mal die Türen zum Innenhof offen gelassen, um ein wenig der dann schon wieder etwas kühler gewordenen Luft herein zu lassen. Diese drückende Hitze schien wie eine Untermalung des Titels "Malecon", mit dem die Musiker an eine Kuba-Tour erinnerten, an "eine schwüle, feuchtwarme Sommernacht am Malecon, der Uferstraße Havannas".

Sonntag, 13. Mai 2018

Duo Dong Dix + Viktor Kalinke

Heute gab es bei den Freien Klängen ein Lesekonzert. Die Weisheit chinesischer Philosophen traf auf die Musik des Duo Dong Dix.
Ya Dong – Pipa
Wolfram Dix – Percussion
Viktor Kalinke – Lesung, Übersetzung aus den Chinesischen

Ya Dong mit ihrer Pipa, der chinesischen Laute, und Wolfram Dix mit seinem akustischen und elektronischen Schlagzeug kamen von musikalisch völlig unterschiedlichen Erdteilen – und doch oder gerade daraus ergab sich ein sehr interessantes und reizvolles Zusammenspiel. Zumal Ya Dong nicht nur traditionelle chinesische Melodien spielte, sondern auch in der europäischen Musik zu Hause war. Und hörte ich da bei einem Stück tatsächlich Anklänge der Filmmusik zum "Dritten Mann" heraus (was ja vom Instrument bzw. von der gezupften Spielweise der Laute her gar nicht so abwegig wäre)? Wolfram Dix wiederum konnte auf seinem Percussion-Instrumentarium auch meditiv-ruhige Klänge erzeugen, die die Laute nur leise begleiteten. Genau entgegengesetzt die Töne, die er aus seinem elektronisch verstärkten Schlagzeug holte, kräftig, laut und durch die Elektronik auch verfremdet tönt sein Schlagzeug solo durch die Festungsmauern.

Was Dix später über Dong sagte ("sie kann – was in der chinesischen Musik durchaus nicht üblich ist – auch sehr gut und frei improvisieren"), war dann auch im Programm zu merken. Wenn beide Musiker einander mit ziemlichen Spaß Melodien zuspielten, dann ging das ein wenig in die Wildheit jazziger Klänge über, wenngleich auch sehr zivilisert.

Das Konzert war ursprünglich als Duo angekündigt. Ganz kurzfristig wurde daraus ein Lesekonzert: Viktor Kalinke, Schriftsteller, Übersetzer und Verleger aus Leipzig, hatte bereits vor mehr als zehn Jahren Lesungen mit der Begleitung durch Wolfram Dix durchgeführt. Als er von dessen aktuellen Konzerten hört, vereinbarte er kurzfristig, zur Musik des Duos aus dem Buch des Philosophen Zhuangzi (365 - 290 v. Chr.) zu lesen.

Sonntag, 11. Februar 2018

Holm Birkholz und Manfred Preis: "Ein Sommernachtstraum"

Heute standen zwei Musiker auf der Bühne der Freien Klänge in der Festung Mark, die normalerweise bei den Berliner Philharmonikern zu hören sind.
Holm Birkholz – Komposition, Violine, Percussion, Klangschalen, Spieluhren
Manfred Preis – Klarinette, Steirische Harmonika
Daneben nehmen sie sich aber auch Zeit für eigene Projekte. Eines davon entspringt Holm Birkholz' Liebe zur meditativen, fernöstlich inspirierten Musik (wie auf seiner aktuellen CD Arpeggio – Im Echo der Stille). Und damit paßten die beiden genau in die Magdeburger Weltmusikreihe.

Manfred Preis (links) und Holm Birkholz 
in der Magdeburger Festung Mark

Das Konzert stellte Holm Birkholz unter den Titel "Ein Sommernachtstraum" und lud die Konzertbesucher ein, einer Geschichte, einer Vision, vielleicht auch einem Märchen zu folgen und sich ganz in die Musik rund um Sonne und Sterne hinein sinken zu lassen. Diesem Ansatz entsprachen auch der Bühnenaufbau und die von Janet Kirsten gestaltete Lichtinstallation. "Die Musiker stehen sonst oft im Licht. Hier aber soll die Musik den Raum füllen und die Hauptrolle einnehmen", sagte die Berliner Bühnenbildnerin. So wurde die Bühne dann, passend zur kosmischen Musik, von einer riesigen, dunkel golden leuchtenden Sonne beherrscht. Vor den Musikern standen von Kerzen gleichfalls golden erleuchtete Schalen aus innen verspiegeltem Glas, vielleicht andere kosmische Himmelskörper darstellend. Der Rest des Raumes war in rotes Licht getaucht, das die Konturen verschwimmen ließ und auch die Musiker nur sparsam beleuchtete und ihnen als Person tatsächlich nur die (beabsichtigte) Nebenrolle zuwies.

Bühnenbild aus Sonne und Sternen in einer
Lichtinstallation von Janet Kirsten

Die einzelnen Sätze seiner Komposition beschrieb Holm Birkholz mit kurzen Texten, die er jeweils vortrug. So stand am Beginn des Sommernachtstraumes ein schöner Sommerabend: "Wir verweilen ... an einem Ort der Stille, vielleicht auf einem Berggipfel, und warten auf den Sonnenuntergang. Mit zunehmender Dämmerung werden mehr und mehr Sterne am Himmel sichtbar und langsam umfängt uns das funkelnde Licht dieser sternenklaren Neumondnacht". Leise angeschlagene Klangschalen – Abendglocken gleich – wurden von tiefen Tönen aus Manfred Preis' Baßklarinette begleitet. Töne aus einer Spieluhr werden leise hörbar, bis dann Stille einkehrt.

Stille, die Birkholz den zweiten Satz einleiten ließ:  "In sternklarer Finsternis schauen wir hoch in die unendlichen Sphären des Nachthimmels. Wir entdecken mehr und mehr Sterne und nehmen wahr, wie uns diese Gestirne etwas zuflüstern". Sich wiederholende Folge von mal pizzicati gespielten, mal gestrichenen Violintönen und silberhellen Tönen kleiner Klangschalen lassen eine sphärische Wirkung entstehen, machen das Gefunkel der Sterne hörbar.

Weiter geht es in einem Kometenschweif: "wir genießen dort die Stille des Weltraums und vergessen dort völlig, daß dieser Komet mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit den Raum durchmißt", sagt Holm Birkholz dazu. "Aber davon hören Sie nichts, alles ist still um Sie herum". Und in diese Stille hinein zaubert er leise Klänge, beinahe unhörbar leise.

Sonntag, 8. Oktober 2017

East Drive

Heute stand Bodek Jahnke mit seinem Trio-Projekt East Drive auf der Bühne der Freien Klänge in der Festung Mark.
Bodek Janke –Drums, Percussion
Vitaliy Zolotov – Gitarre
Philipp Bardenberg – E-Bass

Vitaliy Zolotov beginnt das Konzert mit klaren Akkorden auf seiner Gitarre, zu denen Bodek Janke auf kleinen Flöten Vogelstimmen erklingen läßt oder percussive Geräusche macht, die sich wie ein Störfaktor über die Gitarrenklänge legen. Ein Effekt, der vielleicht gewollt ist, zwingt er doch zum genauen Hinhören. Schließlich kommt noch Philipp Bardenberg mit seinem Baß dazu, erzeugt tiefe Borduntöne, die das doch recht große Volumen der Kulturwerkstatt in der Festung Mark in Resonanz versetzen. Als Bodek Janke anschließend das Publikum mit den Worten begrüßt, daß es "heute eine Musik erleben könne, wie sie hier noch nicht zu hören war", dann mag man ihm das glauben (und weiß doch, wieviel andere und gleichfalls ungewohnte Weltmusikklänge in dieser Konzertreihe bereits zu hören waren).

Das Konzert war inhaltlich durchaus von der osteuropäischen Herkunft bestimmt, ohne daß die Musik dem dafür geltenden Klischee entsprach. So lagen gleich dem zweiten Stück Kinderlieder aus der Ukraine, Serbien, Polen und Deutschland zugrunde, denen Bodek Janke an seinen Tablas sitzend einen ganz ungewohnten Klang gab. Zwischen den beiden gegensätzlichen Seiten, hier leisen und gefühlvollen Klängen, dort kräftigen E-Gitarren- und E-Baß-Tönen in ausgesprochen rockigem, an Progressiv Rock der 70er erinnernden Stil mit Anklängen an Fusion Music, bewegte sich East Drive. Dabei nutzen Baß und Gitarre auch die Möglichkeiten ihrer elektronischen Verstärker aus.

Sonntag, 10. September 2017

Vientos del Caribe

Am Sonntag, dem 10. September 2017 standen Vientos del Caribe auf der Bühne der Freien Klänge. Die fünf Musiker brachten die Wärme des Sommers und den Rhythmus und Drive der karibischen Musik in die dicken Mauern der Festung Mark.
Jeannifer Martin – Gesang
Christoph Baselt – Klavier
Mohi Buschendorf – Bass
Orlando Carmona Garcia – Percussion
Marko Philipp – Schlagzeug

Während noch Geräusche vom im Innenhof stattfindenden Hoffest leise durch die Festungsmauern kommen, setzt die Band mit einer Kraft und mitreißenden Stimmung ein, die alle anderen Töne vergessen macht. Die fünf Musiker brachten Musik mit, wie sie sonst auf sonnigen Inseln mit warmen Stränden und fröhlichen Menschen erklingt. Aber irgendetwas ist doch anders als erwartet: zu hören sind nicht die soundsovielten Versionen von Guantanamera oder Chan Chan, sondern vor allem bekannte Rock- und Pop-Titel, die die Musiker an die karibischen Rhythmen anpaßten. Wie Pianist Christoph Baselt, von dem die Adaptionen und Arrangements stammten, erklärte, werden von der Band die englischen Titel nicht "einfachen so" gecovert: "Für die Musik unserer Band und für unser aktuelles Album Metamorfosis suchen wir uns Titel aus, die vom Gefühl her zu den karibischen und kubanischen Rhythmen passen, fügen auch noch eigene Texte hinzu und machen sie damit zu etwas eigenem". Und so wirkte die Musik dann auch  – vertraut und doch so ganz anders. Später waren dann natürlich auch Titel wie Bésame mucho zu hören, die selbstverständlich nicht fehlen durften.

Sonntag, 12. März 2017

Haig Yazdjian's Acoustic-Trio

Bei den "Freien Klängen" stand am heutigen Sonntagabend Haig Yazdjian's Acoustic-Trio auf der Bühne der Kulturwerkstatt in der Festung Mark.
Haig Yazdjian – Oud & Voice
Tasos Poulios – Kanun & Voice
Giorgos Kontogiannis – Lyra und Percussion

Der aus Aleppo in Syrien stammende Haig Yazdjian wuchs als Sohn armenischer Eltern in Syrien auf und lebt seit 1988 in Griechenland. Von dort kommen auch seine beiden Musikerkollegen. Die Musik jedoch stammt aus dem gesamten Mittelmeerraum. Die arabische Musik wird überlagert von griechischer und auch westliche Einflüsse bis hin zum Jazz lassen sich finden. 

Am Beginn stehen typische arabische Klänge, als würde Haig Yazdjian die Zuhörer einstimmen wollen auf ein Konzert mit Musik aus 1001 Nacht. Später kommen Giorgos Kontogiannis mit seiner Lyra, die er mit dem Bogen streicht, und Tasos Poulios mit dem Kanun, einer orientalischen Variante der Zither, die mit kleinen Hebeln zusätzlich in der Stimmung verstellt werden kann. Aus dem Zusammenspiel ergibt sich eine Melodie, die fremd und zugleich seltsam vertraut klingt. Vertraut durch Weltmusik-Bands aus dem arabischen Raum oder vielleicht auch durch Urlaubsreisen in den Mittelmeer-Raum.

Sonntag, 8. November 2015

Nicole Jo

NICOLE JO – Colours
Nicole Johänntgen – Saxophon
Stefan Johänntgen – Keyboards
Philipp Rehm – Baß
Elmar Federkeil – Drums und Percussion


Das Quartett Nicole Jo benannte sich nach der Saxophonistin und Initiatorin Nicole Johänntgen, die auch für den überwiegenden Teil der Kompositionen verantwortlich ist und das Konzert mit deutlicher Bühnenpräsenz und Begeisterung leitete. Gemeinsam mit ihrem Bruder Stefan Johänntgen, dem Bassisten Philipp Rehm und dem Schlagzeuger und Percussionisten Elmar Federkeil brachte sie in weiten Teilen des Konzerts einen satten Sound auf die Bühne der Festung Mark – lebendiger, expressiver und kräftiger Jazz war zu hören.

Begann das Konzert noch mit eindringlichen, langsamen Tönen des Saxophons, verbunden mit Halleffekten von Keyboard und Bass, so wechselte die Musik bald hin zu einem rhythmischen, tanzbaren Clubsound, wie geschaffen für Musikklubs einer Großstadt. Diese Mischung hatte Nicole Johänntgen wohl auch im Sinn, wenn sie (wie sie in der Pause sagte) "es cool findet, wenn es immer wieder am Rand der Bühne Leute gibt, die sich zur Musik der Band bewegen". In Magdeburg gab es dagegen eher das aufmerksam lauschende als das tanzwillige Publikum, das dann aber auch voll auf seine Kosten kam. Beispielsweise durch den Raum, den Bandleaderin Nicole Johänntgen den anderen Musikern ließ. Etwa wenn Philipp Rehm am Baß spanische Flamenco-Rhythmen durchscheinen ließ, mal durch elektronische Effekte variiert und verfremdet, mal sehr nahe am Klang eines akustischen Instruments, und die Band dann in diese Klänge einstimmte. Oder wenn Stefan Johänntgen, der Ton-Ingenieur unter den vier Musikern, aus Keyboard und Synthesizer spacige Klänge hervorholte, die den Zuhörer in die Zeit der 1970er Jahre zurückversetzten. 

Elmar Federkeil an Drum und Percussion sorgt nicht nur für einen kräftigen Rhythmus von rockigen Trommelwirbeln bis hin zu afrikanischen Rhythmen, sondern stand auch mit einer Steel Pan (Blue Point Steel Harp) als metallisch-durchdringend klingendes Solo-Instrument in der Mitte der Bühne. 

Immer wieder aber bestimmte Nicole Johänntgen die Musik, vor allem wenn sie ihr Saxophon expressiv und mit vollem Einsatz spielte. Und das Saxophon damit auch die Rolle einer "Stimme der Band" übernahm. 

Den Abend fasste Nicole Johänntgen mit den Worten "take the moment as it is" ganz treffend zusammen. Für das Konzert in Magdeburg bedeutet das aus ihrer Sicht, daß "die Musik so richtig gut im Fluß", die Stimmung genau richtig und auch der Klang in den Festungsmauern überraschend gut war. Genau die richtige Atmosphäre für freie Interpretationen von Stücken der aktuellen CD "Colours", die Nicole Jo zur Zeit auf ihrer Tour vorstellt. Daneben gab es aber auch schon wieder neue Stücke zu hören. Wie das langsame "White and Green", das als Zugabe den Abend beendete. 


Warnfried Altmann, Organisator der Freien Klänge.
Hier bei der Gedichtlesung am Ende der Pause.

Sonntag, 10. Mai 2015

Belonoga

Heute war die bulgarische Band Belonoga zu Gast bei den Freien Klängen in der Festung Mark.
Gergana Dimitrova – Gesang, Electronics
Aleks Nushev – Gitarre, Bassgitarre, Electronics
Kostadin Genchev – Kaval, Duduk, Ocarina, Dvoyanka
Violeta Petkova – Gadulka
Vangelis Karipis – Percussion
Peter Todorov – Gesang, Percussion

In der Anmoderation sprach Warnfried Altmann davon, dass man nun, ab dem dritten Konzert, auch wirklich von einer Konzertreihe sprechen könne. Und machte auch schon auf die kommenden Konzerte neugierig. Die musikalische Ausrichtung der Freien Klänge in Richtung Weltmusik und damit verwandtes setzte sich auch mit Belonoga aus Bulgarien fort.

Belonoga ist ein Projekt der Sängerin Gergana Dimitrova, die bisher in Chorprojekten  wie „Mystere De Voix Bulgares“ und „Eva Quartet“ sang. Die Herkunft ihrer Band aus der bulgarischen Volksmusik mit den hohen Frauenstimmen hört man auch noch heraus. Jedoch kleidet Belonoga die traditionelle Musik in ein neues Gewand, kombiniert alte Instrument wie die geigenähnliche Gadulka und die Kaval-Flöte mit E-Gitarre und Percussion. Und sampelt ihre Stimme, um sie in Loops zu choralen Sätzen neu zu kombinieren. Da trifft Tradition auf Moderne – und musikalisch auch Orient auf Okzident. Bewusst kombinieren die Musiker völlig unterschiedliche Welten. "Wir lassen uns von Naturklängen ebenso inspirieren wie von Musik fremder Völker oder von Musikern, die wir auf anderen Konzerten hören", sagten die Musiker über ihre Musik. Da kann durchaus Musik der Aboriginees auf ein Gypsy-Lied folgen.

Viele der im Konzert gespielten Stücke waren von der Stimme Gergana Dimitrovas bestimmt. Der Gesang füllte in sich wiederholenden Mustern die Räume der Festung Mark, verbreitete eine teilweise beinahe hypnotische Stimmung. Von geheimnisvollen Percussion-Tönen unterstützt kam eine gewaltige Klangwolke von der Bühne herab. Dann wieder wechselte die Musik zu rockigen Klängen. Das Publikum war von der Mischung musikalischer Welten begeistert und ließ die Band nicht ohne Zugabe gehen.

Wer noch nicht genug davon hatte, für den gab es auch die CD der Band zu kaufen. In einer prächtigen Aufmachung und für eine CD ungewohnt schwer: in das Booklet integriert ist eine Keramik-Platte (wovon jede ein Unikat ist).

Die Konzertpause nutzte Warnfried Altmann, um auf ein Problem der Festung Mark hinzuweisen und zur Solidarität mit dem Veranstaltungsort aufzurufen: Ohne ersichtlichen Grund behindert das Ordnungsamt der Stadt Magdeburg die Veranstaltungen der Festung Mark durch unnötige Auflagen. Das Magdeburger Kulturzentrum ist gerade auf einem guten Weg hin zu einer selbst tragfähigen Mischung unterschiedlichster Veranstaltungen (und jeder, der selbst in der Kultur tätig ist, weiß wie schwer das ist), da schießt die Stadtverwaltung quer. Unverständlich angesichts dessen, daß die Festung Mark inzwischen zur Vermeidung von Konflikten rundum schallisolierende Fenster eingebaut und einen abseits der Wohnbebauung gelegenen Raucherbereich eingerichtet hat – und wie zu hören war, auch keine Konflikte zwischen der Festung und den Anwohnern bestehen.


Sonntag, 12. April 2015

Blu-Bantu-Quartett

Heute war das Blu Bantu Quartett zu Gast bei den Freien Klängen in der Magdeburger Festung Mark.
Biboul Darouiche – vocals, percussion, bass, calimba, guitar,
Michael Hornek – vocals, keys, bass, percussion,
Christoph Holzhauser – Schlagzeug,
Miko Watanabe – percussion, atmospheres

Blu Bantu, das Quartett des aus Kamerun stammenden Musikers Biboul Darouiche, zeigt sich als Einheit musikalisch gleichgesinnter. Auch wenn Darouiche mit Melodien und Klängen aus seiner afrikanischen Heimat den Klang der Band vorgibt, so sind Michael Horneck, Christoph Holzhauser und Miko Watanabe nicht einfach nur Begleiter seiner Musik, sondern gleichberechtigte Partner.

Das Konzert von Blu Bantu beginnt mit dem Daumenklavier als Melodieinstrument, mit einem Lied, dessen Titel Darouiche mit "der Geist der Liebe" übersetzt. Wenn Darouiche durch das Programm führt, dann tut er das in einer sympatischen Mischung aller Sprachen, in denen er zu Hause ist. Ebenso hält er das mit seiner Musik, in der er gerne mal weg von der traditionellen Folklore in jazzige Melodien abschweift, manchmal sind auch Blues-Klänge herauszuhören. So ergibt sich ein interessanter Musik-Mix, dem zu lauschen einfach Freude macht. Weltmusik auf eine angenehm lässige Art, mit musikalischen Welten, die bei Blu Bantu einfach und ganz selbstverständlich in einander übergehen und verschmelzen. Da wird aus einem afrikanischen Lied, dessen Melodie Hornek am Keyboard aufnimmt, schonmal Musik im swingigen Stil der 50er Jahre oder gleich darauf Fusion Jazz.

Mitunter sind seine Lieder einfach und ruhig, so wie "Kiara", ein Schlaflied, daß er nach seiner Tochter benannte, manchmal klingt in den Anmoderationen auch an, daß die Texte der Lieder von den Problemen der Welt handeln, so wie das über eine Mutter, die in Jerusalem nicht zu ihren Kindern kommen kann. Durch die Erklärungen wird der Inhalt der Lieder auch dann verständlich, wenn Darouiche sie auf Ewondo, seiner kamerunischen Muttersprache singt. Und manchmal – auch ein Stück afrikanischer Tradition – wird schon mit der Beschreibung der Texte eine ganze Geschichte voller Weisheit erzählt: "Sei vorsichtig mit dem Auto deines Nachbarn, es ist nicht deins, du kennst es nicht, die Bremsen könnten versagen. Sei vorsichtig mit dem Gewehr deines Nachbarn, das du mit auf die Jagd nimmst. Es ist nicht deins, du kennst es nicht,es könnte klemmen. Sei vorsichtig mit dem Kind deines Nachbarn, ...". Darouiches Musik lebt von solchen Geschichten, von der Stimmung, die in der Musik mitschwingt, auch wenn man die Worte selbst nicht versteht.

Auch das Daumenklavier bekam seine eigene Geschichte, die Darouiche in dem Lied "Carramba" erzählt. Er bekam das Instrument von seinem Onkel, den alle nur "Carramba" nannten, weil er... Aber halt, die Geschichte will ich hier nicht auch noch wiedergeben – hört sie euch lieber selbst beim nächsten Blu-Bantu-Konzert an.

Besonders kräftig wurde die Musik des Quartetts, wenn neben  Miko Watanabe auch Biboul Darouiche und Michael Hornek zu den hölzernen Schlegeln griffen und jeder eine der afrikanischen Schlitztrommeln bearbeitete. Dazu noch Christoph Holzhauser an den Drums, fertig war ein kräftiges Schlagzeug-Quartett. Wenn man dazu noch weiß, daß jede der Tamtams, wie die aus Baumstämmen geschnitzten Schlitztrommeln auch genannt werden, eine eigene Stimmung hat, und im Ursprung jede Familie ihre eigenen Tamtams hatte, um damit Nachrichten auszutauschen, dann wurde aus dem Trommeltönen auch ein musikalisches Gespräch.

Das Konzert von Blu Bantu hätte wohl noch länger gehen können. Nach dem Abend blieb ein angenehmes Gefühl von Sommer zurück, wie von Musik in warmen Nächten im Freien.  

Im zweiten Konzert der Reihe wird ebenso wie in der Ankündigung des kommenden Konzerts – dann mit einem bulgarischen Chor – erkennbar, daß Warnfried Altmann auf dem besten Weg ist, mit den "Freien Klängen" in der Festung Mark eine Magdeburger Weltmusikreihe zu etablieren. Der Stadt kann diese neue Musikfarbe nur gut zu Gesicht stehen.

Drei Schlitztrommeln und ein Schlagzeug