Sonntag, 12. Mai 2019

Mark Alan Lotz & Alan "Gunga" Purves

Experimentell und anhörbar muss kein Widerspruch sein. Zwei Stunden voller verrückter Musik-Ideen, gemischt mit harmonischen Melodien: es war eine Freude zuzuhören – und zuzusehen.
Mark Alban Lotz – Flöten
Alan "Gunga" Purves – Percussion, Toys

Mark Alban Lotz kam mit seiner riesigen Kontrabass-Flöte auf die Bühne, einem Instrument, dem man die Herkunft aus dem Baumarkt ansah (später erklärte er, dass der Instrumentenbauer tatsächlich Kunststoff-Abwasserrohre verwendete, die er mit Klappen eines Saxophons kombinierte). Die tiefen Töne spielt er in eine Loop-Station ein, die dann durch die ständige Wiederholung wie der Atem eines großen Urzeittieres klingen. Alan "Gunga" Purves nimmt in jede Hand eine Spieluhr, solche kleinen Blechdosen, die wohl jeder schon mal seinen Kindern als Spielzeug kaufte, hält sie an den Kurbeln fest und dreht sie rhythmisch, fügt schnalzende Töne hinzu. Über diese Kombination spielt Lotz Töne auf seiner etwas kleineren Bassflöte – und nun füllen Urwaldgeräusche den Raum, das Grummeln eines nahen Gewitters, Vogelstimmen und Pfeifen von Baumfröschen.

Später, zu den Tönen eines umgebauten Akkordeons, dessen Balg Alan Purves mit den Füßen bedient und damit Borduntöne für Alban Lotz' Flöte erzeugt, hört das Ohr, das sich an bekanntem orientieren möchte, Melodien wie Debessys "Nachmittag eines Fauns" heraus. Aber was ist schon "normal", was ist "bekannt" bei diesem phantasievollen Spiel mit Klängen und Tönen? Die Musik von Purves und Lotz bietet ein großes Maß völlig neuer Hör-Erfahrung und Phantasie. Und sie macht Spaß, verführt zum mit- und nachmachen. Denn, im Ernst: wer hat noch nie auf einem Eierschneider Harfe gespielt oder auf Glasflaschen Töne geblasen? Das scheinbar so Einfache zu Rhythmus und Musik zu kombinieren ist dann doch die große Kunst der beiden. 

Alan Purves hat auf der Bühne ein Instrumentarium aufgebaut, das weit über ein herkömmliches Set aus Schlagzeug und Percussion hinausreicht. Das meiste selbst gebaut, aus Teilen von  Alltagsgegenständen, von technischen Apparaten oder aus dem Spielzeugladen. Für diese Instrumente hat Gunga Purves eigene Namen. Da spannt er für sein "Brim Bram" Gummiringe auf einen Rahmen, nutzt dünne Holzbrettchen als "Clap boards" wie Kastagnetten, nutzt als Hundespielzeug verkaufte quietschende Schweinchen, um darauf  grunzende Rhythmen zu blasen, kombiniert Luftmatratzen-Pumpen mit Pfeifen oder montiert Stabglocken aus alten Pendeluhren auf Resonanzkörper. Die Liste der Instrumente auf seiner CD umfasst (nicht alles lässt sich übersetzen) stickmoans, spring drum, frying pan, clock chimes, school bell, brim bram, tubes, penny whistles, gitglock, hand pan, flat drum, sruti box, hapi, tambourine, balafon, hemarimba, shackers, coobells, plastic horns, boom wackers, squeak toys, baby tarbukas, wine bottles, spectacular singing, wee melodica, kalimba, wood block, biscuit tin, toy pigs, coil, wallpaper cutter, balacones, finger cymbles, african jingles, hand claps, balabox, toy siren, DADA bells, clap board. "Und dabei habe ich heute noch nicht mal alles mit", sagt mir Gunga später, "zum Beispiel nicht meinen Kilt aus Gummihühnern".

In den Tönen aus Gunga Purves Klangzauberkasten meint man mal einen Dudelsack zu hören, mal gibt es metallisch schwebende Töne oder ein elektronisch verstärktes Bassdröhnen. Bei allem experimentellen hat die Musik zugleich auch etwas meditatives, nicht zuletzt durch die stete Wiederholung von Klangfolgen. Manche Zuhörer sitzen mit geschlossenen Augen, lassen die Klangfülle auf sich wirken, andere schauen fasziniert den Musikern zu.

Mark Alban Lotz begleitet mit einer Piccoloflöte ein Mini-Akkordeon, Alan Purves spielt Rhythmen auf Xylophon und Clap boards, aus denen sich allmählich ein von der  Flöte begleiteter schottischer Tanz entwickelt. Später greift er zu einem, dann zu zwei Gummischweinen, die er rhythmisch drückt und mit dem Mund anbläst, was Klänge irgendwo zwischen quiekend und grunzend ergibt. Ein Tohuwabohu, das auf den ersten Blick (und im wahrsten Sinn des Wortes) saukomisch ist und doch Absicht ist, immer Teil der Musik bleibt, nie zu Klamauk wird. Immer wieder hört (und sieht) man neue Klangeffekte, bei denen einem staunend der Mund offen bleibt.

Nach der Konzertpause spricht Warnfried Altmann, Ideengeber und Organisator der Freien Klänge, genau diese Kreativität und Phantasie an und stellt sie in einen neuen Zusammenhang: "Genau so etwas braucht auch die Wirtschaft, diese sich auf Neues einlassen, neues schaffen und erfinden". Und auch das nach der Pause von ihm vorgetragene Gedicht, Eva Strittmatters "Chagal", ordnet sich mit Eva Strittmatters phantasievoller Sprache in diesen Gedanken ein.

Nach der Pause holen Lotz und Purves die Zuhörer zurück in die meditative Stimmung. Mit nur zwei auf Flaschen geblasenen Tönen, abwechselnd und im Takt ruhigen Atmens gespielt sorgen sie für entspannte Ruhe. Als Mark Alban Lotz dazu kräftige Töne auf seiner Querflöte spielt, klingt die Musik romantisch.

Gleich danach wird es wieder wild, als Lotz zu diversen Pfeifen greift, wie sie als Lockpfeifen bei der Jagd benutzt werden, um Rufe von Füchsen oder Rehen nachzuahmen. Das alles elektronisch als Loop übereinander gelegt und von Alan Purves begleitet, weckt Assoziationen an Alptraumszenen von Hieronymus Bosch. In Erinnerung bleiben aber mehr die geheimnisvoll sanften Melodien der beiden, wenn etwa Purves mit den Händen über ein ganzes Ensemble von kleinen Spieluhren (solche aus dem Andenkenbedarf mit Lieblingsmelodien zwischen Mozart und Beatles) streift, die Tonwalzen leicht dreht und aus dieser Mischung von Melodiesamples neues schafft. Dieses mechanische Sampling ist eine Umsetzung heutiger Musikerzeugung zurück in die analoge Welt. Metallische Klänge kommen von einer Art Xylophon-Gitarre, Blasebälge blasen Flöten an, dazu langsamer Blues auf der Kontrabassflöte. Am Ende des Konzertes greift Alan "Gunga" Purves zu zwei Stabglocken aus Pendeluhren, auf denen früher vielleicht der Westminstergong zu hören war. Wie ein Schamane geht er langsam von Zuhörer zu Zuhörer, schlägt die Stabglocken leicht zusammen und hält sie dem Zuhörer links und rechts an die Ohren, Antennen gleich stehen die Stäbe vom Kopf ab. Was da aber zu hören ist, ist eine beinahe spirituelle Erfahrung: aus einem Tonwirrwar heraus übertragen sich sphärische Klänge in das Ohr, bis zur Stille leiser werdend.

Als Zugabe gibt es Klänge der diesmal mit Klöppeln angeschlagenen Stabglocken und Töne der Kontrabassflöte. Eine Mischung aus asiatischer Musik und Walgesängen zieht durch das Gewölbe der Festung Mark.

Ich hätte es vorab nicht möglich gehalten, wie faszinierend diese Musik ist, die zum größten Teil sehr weit abseits von Hörkonventionen liegt, eher Klangbilder erzeugt. Noch jetzt, da ich beim Schreiben dieser Zeilen die CD der beiden höre, sehe ich die Musiker vor mir, Mark Alban Lotz mit seiner riesigen Flöte und Alan "Gunga" Purves mit seinem phantasievollen und zugleich so ruhigen und selbstverständlichen Umgang  mit allem, auf dem man Töne und Rhythmen erzeugen kann.


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